Montag, 29. August 2016

Was wahr ist und was wirklich

Mit freundlicher Genehmigung durch Rittiner&Gomez, Spiez, CH

Ja. Wie ist das möglich, dass du im meiner Wohnung auftauchst, dass du … sprechen …

Ich sagte es doch bereits, ich war da – und schon hier, als du kamst!
Das ist nicht wahr!

Hm?

Warum soll ich dir glauben, dass …

Entschuldige bitte, lass uns das in der Wohnstube bereden, dieser Flur atmet Durchgang, ist en passant, Kommen und Gehen, da zieht es mich hinaus. Und außerdem zieht es.

Ein seltsames Paar ließ sich hinter der Fassade des alten Hauses aus der Zeit des Jugendstils auf dem nachtblauen Sofa aus Plüsch nieder. Ratur hatte sich zwar an die Gegenwart des Katers gewöhnt, doch erschienen ihm dessen Auftreten und ihrer beider Unterhaltung surreal. Der Kater hingegen machte es sich auf Raturs Schoß gemütlich, als sei nichts selbstverständlicher auf dieser Welt. Schnurrte, schaute aus großen Augen zu Ratur auf und eröffnete:

Dass ich hier bin, dass ich sprechen kann, erscheint dir – unwahr?

Unwirklich, es ist unwirklich.

Ich wirke, Ratur, da kann ich nicht unwirklich sein.

Doch.

Ratur, was soll dieser kindische Trotz? Ich sitze da, du siehst mich, wir reden miteinander, ich wirke auf dich, du wirkst auf mich. Ich wirke in dir, du wirkst in mir. Wir sind wirklich, beide. Wir sind einander wirklich, denn du wirkst mich und ich wirke dich. Dann sind wir auch wahr.

Das ist die Wahrheit? Das also soll die Wahrheit sein?

Die Wahrheit ist es nicht, Ratur. Die kann niemand erfassen, niemand wissen. Ein kleiner Teil der Wahrheit ist es jedoch schon, unser Wirken, unser Wirklichsein.

Du, Kater, meinst also, dass du in mir wirkst – und aus mir heraus? Und dass dich das wahr macht.

Zu einem Teil der Wahrheit macht es mich, und ja, ich bin wahr.

Und wenn ich dir sage, dass es keine sprechenden Katzen gibt?

Schweigen. Der Kater blinzelte Ratur an, leckte sich die Pfote und fuhr sich damit übers Köpfchen, schaute auf und:

Miu!

Aha! Und wenn ich dir sage, dass ich keine Katze habe und sich auch keine Katze in meiner Wohnung befinden kann? Weil ich keine Katze besitze, keinen Kater und auch keine Katze durch verschlossene Türen und Fenster in den dritten Stock eines Stadthauses gelangen kann?

Gebannt blickte Ratur auf die Katze auf seinem Schoß, deren Orange verblasste. Das milchige Weiß des Bauches schien auszulaufen, ergoss sich über die Gestalt des Katers. Die gesamte Erscheinung der Katze wurde von zunehmender Transparenz erfasst. Sie schwand dahin.


Warte! Wo willst du hin? Das, das …

Mittwoch, 24. August 2016

Kaffee, Kuchen, Katze

Mit freundlicher Genehmigung durch Rittiner&Gomez, Spiez, CH

Ratur lief, den Kater im Gefolge, zur Wohnungstür und öffnete. Im Treppenhaus stand Frau Zweyer, eine lebenserfahrene Frau in den besten Jahren, hielt Ratur einen Teller mit Apfelkuchen unter die Nase:

Für Sie, Herr Lite, heute frisch gebacken!, lächelte sie und machte einen Schritt zu auf den im Türrahmen Stehenden, dass Ratur unwillkürlich einen Schritt zurück in die Wohnung wich. Nicht, dass Ratur etwas gegen Nähe hatte, im Gegenteil, doch war er ein Eigenbrötler und selten in Stimmung. Im Augenblick jedoch kam seine Nachbarin ihm gelegen. Stand sie doch mit beiden Beinen fest im Leben. Ob sie die Katze in seiner Wohnung sehen würde und – auch hören?

Oh, danke schön, kommen Sie doch bitte herein auf eine Tasse Kaffee!

Frau Zweyer folgte ihm auf dem Fuße in die Küche, ebenso der Kater, der hast du nicht gesehen auf den Tisch gesprungen kam und sich wieder auf dessen Mitte setzte. Ratur holte derweil Teller aus dem Küchenschrank, kochte Kaffee und plauderte mit Frau Zweyer über den Tag, das Leben und die Vorzüge selbstgebackenen Apfelkuchens. Aufmerksam musterte er ihr Mienenspiel, doch war ihr nicht anzumerken, dass irgendetwas anderes als er, Ratur, und der Verzehr von Kuchen und Kaffee ihre Aufmerksamkeit auf sich zog. Ein kapitaler Kater auf dem Küchentisch ist eigentlich nicht zu übersehen. Vor allem von einer Dame nicht, die sicherlich alle Dinge in Ordnung zu bringen wusste und in deren Weltbild alles einen festen Platz zugewiesen bekommen hatte. Kein Mucks.

Ratur zweifelte an seinem Verstand. War er der einzige, der den Kater sah? Sein rotfelliges Gegenüber schwieg und blinzelte.

Ich hatte mir schon gedacht, wo Sie wohl bleiben, als sie heute Mittag aufbrachen auf ein Stündchen am Meer und bei Sonnenuntergang noch immer nicht zurück waren, Herr Lite.

Ratur schilderte ihr seinen Tag am Meer, die Begegnung mit der Frau im blauen Kleid und erzählte von dem seltsamen Gefühl der Vertrautheit, das diese Unbekannte während der kurzen Zeit seiner Gesellschaft genossen hatte – und dass es ihm, dem Zweifler, eigentlich nicht anders ergangen war.

Warum in Gottes Namen nahm sie keine Notiz von dem Kater, der mitten auf dem Tisch saß und sich pflegte?

Mit Katzen ist das nicht anders, ließ Frau Zweyer ihn aufhorchen, wenn die sich nicht wohl fühlen, suchen sie sich ein neues Zuhause, eines, in dem sie willkommen sind, das sie nicht in Frage stellt, eine Heimat, in der sie sich geborgen fühlen. Dort lassen sie sich nieder - und bleiben.

Katzen? Ja, Katzen, so wie …

Ratur hielt inne. Tierhaltung laut Mietvertrag verboten, sich nachsagen lassen zu müssen, Tiere zu sehen und mit ihnen zu sprechen, die ansonsten niemand sah, ebenfalls keine verlockende Aussicht. Frau Zweyer bedankte sich für die Einladung, erhob sich und schwebte dem Ausgang zu. Ratur begleitete sie mit Dank und Komplimenten. In der Tür, der Kater schlüpfte ihre Beine entlang streichend mit hinaus, wandte sie sich um und lächelte zum Abschied:

Eine hübsche Katze haben Sie da, Herr Lite, zugelaufen?

Ach, die, ach … Nein, die … der war einfach schon da, als ich heimkam, keine Ahnung, wie …

Ach, Herr Lite, ich werde Sie schon nicht verpfeifen, gute Nacht!

Gute Nacht – und … danke schön!

Rasch drückte Ratur die Tür leise ins Schloss, wandte sich mit einem tiefen Seufzer der Erleichterung um - und sah seinen Gast im Flur sitzen, das Fell ein warmes Orange und alabastern schimmerten darin Milch und Honig. Ihm war, als würde der Rote grinsen.

Wir müssen reden, Kater!


Ach ja? Reden?

Dienstag, 16. August 2016

Einfach nur da

Mit freundlicher Genehmigung durch Rittiner & Gomez, Spiez, CH
Ratur ging hinüber in seine Wohnstube, prüfte auf dem Weg alle Fenster und fand sie verschlossen. Sein Gast folgte ihm auf den Fersen. Als Ratur sich in sein nachtblaues Sofa aus Plüsch fallen ließ und die Beine hochlegte, sprang er federnd auf den Tisch, schnürte von dort gemächlich Raturs Beine hoch und setzte sich auf dessen Schoß. Rollte sich ein und ließ sich kraulen.

Seltsam, ich habe keinen Schimmer, wie du hier in die Wohnung gelangen konntest, mein Freund.

Ratur kraulte den Kater hinter den Ohren, dessen Vibrissen bebten unter dem Rollen eines kräftigen Schnurrens, das den Raum erfüllte und in Raturs Bauch ausstrahlte. Der Kater fläzte sich, streckte alle viere von sich und wandte Ratur sein milchweißes Bäuchlein zu:

Ich war einfach schon da, als du kamst!

Ratur fuhr hoch und saß mit einem Schwupps aufrecht, den Kater um Halt in seine Oberschenkel gekrallt:

Wer … Was bist du – und wie kamst du hierher?

Die Antwort ließ auf sich warten. Der Kater machte es sich wieder auf Raturs Schoß gemütlich, blinzelte geheimnisvoll gelassen zu den erschrocken geweiteten Augen seines Gastgebers hinauf und leckte sich die rosa Nase:

Ich bin, der ich bin und ich war einfach da, schon hier, als du kamst, Ratur.

Katzen können nicht sprechen!

Nicht? Hm, soll ich also … schweigen?

Ich, ich … werde wahnsinnig …

Nein, wirst du nicht.

Bin ich es etwa schon?

Ausgiebiges Putzen. Aus der Achsel eines Hinterbeins leises Schmatzen und gedämpft:

Nein, du bist weder wahnsinnig noch im Begriff, deinen Verstand zu verlieren.


Die Türglocke schrillte. 

Montag, 8. August 2016

Der Rote

Mit freundlicher Genehmigung durch Rittiner & Gomez, Spiez, CH
In Gedanken versunken stapfte Ratur die Stiegen zu seiner Stadtwohnung hinauf. Zog die Tür hinter sich ins Schloss, schaltete das Licht in der Küche an – und stutzte: Vor ihm saß ein roter Kater. Auf dem Küchentisch. Blinzelte ihn an.

Na, wo kommst denn du her?

Blinzeln.

Nicht, dass Ratur etwas gegen Katzen hatte, die sich auf dem Küchentisch tummeln, vielmehr verwunderte ihn der Anblick des Katers, weil er gar keine Katze in seinem Haushalt beherbergte.

Hungrig?

Blinzeln.

Ratur deckte den Tisch ein, packte seinen Einkauf aus dem Discounter hinzu, holte Milch aus dem Kühlschrank, goss davon ein wenig in eine Untertasse, schob diese in die Mitte des Tisches und schenkte sich selbst vom Rotwein ein. Sein Gast flanierte derweil schnurrend über die Tischplatte, strich Raturs Arme entlang und rieb sein Köpfchen an allem und jedem, was Ratur auf den Tisch stellte. Als Ratur sich hinzu setzte, lief er zur Milch, tunkte seine Zunge hinein und trank, setzte ab, blinzelte Ratur an, trank wieder und setzte sich dann Ratur gegenüber, der ein Stück vom Baguette geschnitten hatte und einen Streifen Käse, von dem er abbiss.

Käse?

Blinzeln.


Ratur brach ein Stückchen ab, reichte es seinem Gegenüber und fühlte es unter beherzten Bissen aus den Fingerspitzen schwinden. Kaum hatte der Kater das Käsestückchen gefressen und noch eins und noch eines, baute er sich wieder vor Ratur auf, einer Sphinx gleich, blinzelte und schien bereit, ein Rätsel zu stellen. Ratur genoss derweil sein Abendbrot und betrachtete seinen Gast. Selten grün funkelten dessen Augen, tiefgründig schwarze Pupillen rundeten sich im matten Schein der Küchenlampe. Sein Fell wirkte gepflegt, tiefes Orange, getigert, als ob ein Glas Milch auf die Brust ausgegossen war und sich von dort verlor, den Bauch hinab und dann in feinen Rinnsalen wieder die Rippen hinauf.


Was vernünftig ist

Mit freundlicher Genehmigung durch Rittiner & Gomez, Spiez, CH

Ja.
Ratur wies auf die Sonnenuhr: Doch weiß ich nicht, ob du bei mir bleiben kannst. Nur wenige Stunden noch, dann geht die Sonne auf und der Schatten des Zeigers geht mit der Sonne seine gewohnte Bahn. Bei Tag betrachtet sieht alles ganz anders aus.

Und ich gehe dann noch immer nach dem Mond. Und du?

Ratur stand auf, lief auf und ab, die Schultern hochgezogen und mit ausgebreiteten Armen: 

Ich weiß es nicht. Für den Tag werde ich mit der Sonne gehen. Mit der Vernunft. Vielleicht aber sieht’s auch nur so aus als ob. Außerdem werden sie dich suchen, schon wieder.

Wer?

Deine Familie.

Ach, meine Eltern … sie winkte ab … Ich bin doch alt genug!

Dein Sohn, deine Enkelin!

Stille. Sie schaute ihn fragend an. Suchte sie etwa nach einem Zwinkern, das ihrem Verwundern die Tür in ein Lachen aufstieß?

Ratur zog sein Mobiltelefon und fühlte sich schäbig dabei. Weil er den Tag brachte, ungebeten. Eine Sonne würde er aufgehen lassen über einer Frau, die nach dem Mond ging und in diesem surreal anmutenden Augenblick eher zu Hause war und sich geborgen fühlte als in dem, was die Welt ihr Zuhause nannte. Sein Blick ruhte auf ihr, die kleine Stückchen aus dem Baguette zupfte und daran mümmelte. Tage kommen ungebeten. Nächte auch. Sie sah ihn an. Weil die Erde sich dreht. Doch das hier war anders. Ratur hatte es in der Hand – und wählte …

Sie wird seit dem frühen Abend vermisst.

Der Beamte hatte die Frau, in ihre Decke eingehüllt, in den Streifenwagen verbracht. Von dort schaute sie über die Schulter seines Kollegen zu Ratur, sagte etwas, senkte den Kopf und wirkte dann wieder in sich gekehrt, abwesend.

Ihre Familie wird sicherlich schon lange nach ihr suchen …

Sie wohnt in einem Altersheim, die hatten uns benachrichtigt.

Und ihr Sohn, ihre Enkelin, die sie am Strand gesucht und nach Hause gebracht hat?

Das erledigt das Heim. Die informieren immer die Angehörigen und auch uns, wenn ein Bewohner abgeht.

Die Enkelin hatte aber gesagt, dass sie sie nach Hause bringen würde …

Ja, wissen Sie, was man diesen Leuten so alles erzählt, dass die mitkommen, die kennen sich doch überhaupt nicht aus. Reden wirres Zeug. Kann man nicht ernst nehmen. Desorientierung, Demenz, da kann man nichts machen.

Nichts?

Wie meinen Sie das? Was fragen Sie noch?

Nichts.

Ich brauche da noch Ihre Personalien, Herr …

Ratur. Ratur Lite.

Formalitäten. Eigentlich nichts anderes als der Schattenwurf einer Sonnenuhr bei Tag. Nach dem, was Sonnenuhren bei Mondschein anzeigen, fragt niemand. Niemanden interessiert es, niemand richtet sich danach. Ratur wandte sich ab und ging, sein Rad zu holen. Wieder zurück am Park hielt er inne. Eine Weile noch lauschte er dem Rauschen der Baumkronen, schloss die Lider um eine zierliche Gestalt in kobaltblauem Kleid mit weißen Punkten, dann machte er sich auf den Weg nach Hause.


Dienstag, 26. Juli 2016

Ein weiteres, alltägliches „Im Westen nichts Neues“


Nein, für heute ist es genug. Nein, heute lasse ich keinen Terrorakt aus der Kiste springen, und ob da wer irgendwo mit einer Machete jemanden tötet ist, bei aller Tragik, nichts, was um die Ecke wartet. Angst dampft aus allen Poren des Worldwide Webs. Angst, ja? Wirklich – Angst? Ein fernes, schreckliches Ereignis, und mit einem Mal entschleunigt die Gegenfahrbahn und macht Fotos. Ich mittendrin. Stau auf der Gegenfahrbahn. Gott sei Dank spannten die Ordnungskräfte einen des Menschen würdigen Sichtschutz, winkten die Gaffer ebenso durch und, noch besser, rissen nicht jedes mögliche Fenster auf. Angst? Bei einem Verkehrsunfall zu sterben ist wahrscheinlicher als bei einem Terroranschlag, einem Amoklauf umzukommen. Und ja, für die, die umkamen, wars nicht witzig, war es nicht ein Betrunkener am Steuer, war es keiner, der ein riskantes Überholmanöver unbedingt durchziehen wollte. Doch ihr seid, wir sind die auf der Gegenfahrbahn und unterwegs in die andere Richtung. Alles pray for eher prey of … (prey on?)

Heute war ein schwerer Arbeitstag. Gleich zwei Weltuntergänge für jeweils einen Menschen, im Grunde heilbar, für die Betroffenen jedoch eine tief greifende Erschütterung. Ihres Lebensplans, Erschütterung all dessen, was sie über lange Jahre von sich gewiesen hatten und das sich ihnen nun, so weit ihr angeschlagenes Erkennen dies zuließ, offenbarte: Ein Leben im Altenheim. Lange, leise, wertschätzende Gespräche. Weite Spaziergänge. Im Kreis, durch ein gelebtes Leben, durch eine Geschichte, durch Flucht, Vertreibung, traumatische Erlebnisse, die sich nach vorne drängen, wenn man den Halt verliert, ins Ungewisse – doch in Begleitung. Im Kreis - doch fanden beide aus ihrem Kreisen um ihre erschütterte Mitte zu Ruhe und wieder zu sich. Zu sich und zu dem, was sich ihrem Erkennen und Empfinden an Halt bot. Alltag in Deutschland. Ist, was alles in einen Tag passt. Und das wartet auf nahezu jeden, der es schafft. Hinter den Horizont. In Fahrtrichtung.

Das genügt mir für heute. Und morgen ist ein neuer Tag.

Ludwig Janssen © 25.7.2016

Dienstag, 19. Juli 2016

Sonnenuhren bei Nacht

Mit freundlicher Genehmigung durch Rittiner&Gomez, Spiez, CH

Er hatte sie aus den Augen verloren. Die Straße hinauf am Stadtpark vorüber lief Ratur, schaute in jede Seitengasse, jeden Hauseingang – nichts. Bange zehn Minuten verstrichen. Weit konnte sie nicht sein. Also zurück. Ob sie in den Stadtpark hinein …? Das Licht der Straße reichte nicht weit unter den alten Baumbestand, reichte den Weg mit den hellen Kieseln hinauf bis zu einem gepflasterten, im Halbrund zum Park hin mit Rhododendren abgeschlossenen Platz mit einer großen Sonnenuhr darauf und ein paar Bänken. Auf einer kauerte sie. Das Scheinwerferlicht der passierenden Autos hob ihren Schemen für Augenblicke aus dem Dunkel, grau, und ließ ihn zurückfallen. Ängstlich schaute sie Ratur an, der sich ihr behutsam näherte.

Guten Abend!

Sie nickte, scheu, noch immer die Schultern hochgezogen und sich die Oberarme reibend.

Ihnen ist kalt, nicht wahr?

Wieder nickte sie, die Augen geschlossen und im nächsten Augenblick wieder groß auf Ratur gerichtet.

Mir ist auch kalt. Darf ich mich zu Ihnen setzen?

Wieder nickte sie und rückte ein wenig zum Rand der Bank hin. Ratur setzte sich zu ihr, rollte die Decke aus und legte sie ihr um die Schultern:

So wird es gleich besser.

Sie zog die Decke um ihren Leib, nickte ein zaghaftes Lächeln. Die warme Decke tat das ihre und Ratur bemerkte, wie die Unruhe der Frau im blauen Kleid sich legte. Da saßen sie nun. Das Wolkenmeer lichtete sich und gab den Blick frei auf einen vollen Mond. Der stand hoch über den Buchen ringsum, in deren Laub der Nachtwind sich fing in verhaltenem Anlanden und Weichen. Kommen und Gehen leises Rascheln. Ratur hörte Schneckenhäuschen rollen. Zog die Kirschpralinen aus dem Rucksack, wickelte eine aus, schob sie sich in den Mund und bot seiner Nachbarin eine weitere an, die sie gerne annahm. Noch eine. Und noch eine. Sie genoss es.

Da saßen sie also.

Der Zeiger der Sonnenuhr warf einen kaum wahrnehmbaren Schatten. Ratur schmunzelte und zeigte:

Die geht nach dem Mond!

Ich … auch.

Die warme Decke tat ihr gut, das Kirschwasser der Pralinen ebenso. Sie entspannte sich, und doch, wieder strahlte ihre Miene jene Verlorenheit aus, auf eine eigentümliche Art, für die Ratur keine Erklärung wusste.

Hunger?

Ein Ja, ein dünnes, eines von der Art, die auf Mondlicht balancieren kann und eher Vielleicht ist als Entschluss. Das Baguette war rasch geteilt, der Rote entkorkt, der Käse in mundgerechte Häppchen geteilt und so saßen sie und schauten dem Schatten der Sonnenuhr zu, wie der mit den Scheinwerfern der vorüberfahrenden Autos vor- und zurücksprang, verging und wieder erstand. Sie lehnte den Kopf an seine Schulter:


Bleibst du bei mir?

Dienstag, 12. Juli 2016

Finden und Verlieren

Mit freundlicher Genehmigung durch Rittiner&Gomez, Spiez, CH


Draußen - nichts zu sehen. Ratur griff sich den leichten Rucksack vom Gepäckträger, verstaute seine Siebensachen, ließ das Rad stehen und lief suchend, den Rucksack über die Schulter gelegt, auf die Straße.
Stadteinwärts, den Bürgersteig hinab, machte er zwischen den unscharfen Silhouetten eine aus, die nicht wie die anderen zielstrebig dahineilte. Aus der Ferne betrachtet wirkte sie wie Treibgut im Spiel der Wellen, das zwar der Strömung folgte und doch, aus der Balance geraten, von einem Wellental ins nächste geworfen wurde.

Ratur schritt weit aus, ihr nach. Vorbei am Stadtpark, auf die Fußgängerzone zu. Noch eine Ampelkreuzung, dann hatte er sie erreicht. Zwischen den bei rot Wartenden wirkte sie verloren. Stand mit den anderen, schaute, rieb sich bei gekreuzten Armen die Oberarme, wandte sich um. Ihr musste kalt sein. Trat, die Schultern hochgezogen, von einem Bein aufs andere. Wenigstens war sie nicht mehr barfuß, trug Leinenslipper. Niemand schenkte ihrem fahrigen Ausdruck Beachtung, eher schon wich man einen Schritt beiseite. Sacht legte Ratur ihr seine Hand auf die Schulter:

Hallo!

… und erschrak: Ihre Augen weiteten sich, den Arm vor dem Kinn angewinkelt presste sie zwischen den Zähnen hervor:

Hau ab!

… wischte ihr Handrücken Ratur entgegen. Ein Passant stutzte. Grün. Die Wartenden liefen los, sie hinterdrein. Ratur folgte zögernd. Versuchte es erneut, leise, lächelte:

Heute Nachmittag, am Strand!

HAU … AB!


Unverhofft machte sie kehrt, die Ampel sprang auf rot, sie lief auf die Fahrbahn, ein Auto bremste scharf, Hupen, Schimpfen, sie überquerte die Straße und lief den Weg zurück. Ratur stand ratlos. Die Angestellten des Billigmarkts an der Ecke räumten die Auslagen zurück ins Geschäft. Ratur griff sich eine weiße Decke aus Fleece, ging die zu bezahlen ins Geschäft und querte mit der nächsten Grünphase die Kreuzung. Von der Frau im blauen Kleid keine Spur.

Gegen das Fenster

Mit freundlicher Genehmigung durch Rittiner&Gomez, Spiez, CH


Hier drinnen ließ das allgegenwärtig helle Licht keinen Schatten. Die Welt draußen lag schwarz vor blinden Fenstern, die, geschlossene Lider, das Innere des Ladenraums widerspiegelten. Ratur Lite machte sich auf den Weg zur Kasse. Ein Baguette, Käse, ein Viertel Roter, eine gelbe Paprika, Ölsardinen, Abendessen. Die Schiffe warteten vor der Schleuse. Müde, abgespannte Miene, guten Abend, auf Wiedersehen, Floskeln wie Regen überm Meer. Barcodes Welt in Schwarz-Weiß. Am Einkaufswagen voraus an der Kasse mit dem müden Gesicht die schlanke Silhouette einer flachsblonden Frau. Ein Leuchtturm. Strich sich die Haare aus der Stirn, legte eine makellos alabasterne Halsbeuge frei, zahlte, entschwebte. Raturs Blick träumte dem Schwung ihrer Wirbelsäule nach, fand über das Räuspern der Kassiererin zurück und deren aufgehaltene Hand … Rums!

… erbebte das Schaufenster.

Die Nacht hatte ein bleiches Gesicht mit großen Augen ans kalte Glas geworfen, meergraue Locken, wirr, faltige Arme glitten die Fensterscheibe hinab, die Finger zierlicher Hände spreizten sich haltlos.
Für einen Augenblick weiße Punkte auf Kobaltblau, schon warf die Gestalt sich zurück in die Nacht und entschwand. Ratur Lite griff sich ein Päckchen Kirschpralinen, raffte den Einkauf zusammen, klatschte der verdutzten Verkäuferin einen Geldschein in die Hand und eilte hinaus.


Hallo?! Sie bekommen noch …
Passt schon!

Auf dem Rad in die Stadt

Mit freundlicher Genehmigung durch Rittiner&Gomez, Spiez, CH

Zunächst waren es Straßenlaternen, die das Dunkel zu zerteilen begannen, kühles, helles Licht über die Straße ausgossen. Dann der Fensterschein aus den Häusern, der sich warm in die Fensterrahmen gelegt hatte und über die Sträucher der Vorgärten auf den Bürgersteig reichte. Rollläden rasselten. Die ersten Schaufenster. Licht flutende Rechtecke. Das Dunkel lag zurückgezogen in Seitenstraßen und Winkeln. Der Verkehr wurde dichter. Scheinwerfer durchschnitten gleißend ruheloses Zwielicht, warfen Licht und Schatten an Häuserwände und nahmen sie mit sich. Die Bürgersteige belebten sich mit Menschen, die es eilig hatten.


Nicht mehr weit zur Fußgängerzone, nicht weit von zu Hause. Ratur machte Halt an einem Discounter. Etwas fürs Abendessen. Licht. Konsuminsel. Appetit anregende Aromen: Nimm! Nimm? Eine Wolke. Verwirrende Ordnung, vertraute Muster. Ratur ließ sich treiben. Vereinzelte Käufer schritten zielstrebig die Gänge ab und griffen sich bunte Versprechen aus der Vielfalt. Sie muteten an wie Schiffe, deren weiße Segel durch den Himmel schnitten, vor dem Bug schäumende Selbstverständlichkeit. Meer, selbst hier. Reizüberflutung, Flut, immerwährend, Ebbe – Möwenflug, fernes Fehlen, ein Fluchtpunkt. Etwas, das Ratur hinter dem Horizont wusste, noch weit hinter der Kasse mit dem müden Gesicht dahinter.