Montag, 11. Dezember 2017

Funken tanzen


PAM!!!
Krachend barst der Stern unter dem Hammer und die schimmernden Würmchen, eben noch eng umschlungen, stoben in alle Himmelsrichtungen davon, Funken, tanzten durch die Luft, schwebten davon. Gingen in der Wiese nieder, in den Sträuchern, schwebten weiter zum nahen Waldrand.


Ludwig Janssen © 11.12. 2017

Sonntag, 10. Dezember 2017

Kobaltblaues Schweigen


das Meer, das Meer, das kobalt
blau und schwer sich wiegt und
weitet Stund um Stund und dann
verebbt, ganz still, im Bild
sein will und bleibt, es schweigt
ganz dem Betrachter zugeneigt
sieht man es liegen, wartet, fragt
was uns der Künstler damit sagt
doch der schweigt ebenfalls zu
frieden ruht sein Blick hier auf
dem Bild und lässt ihm seinen
freien kobaltblauen Lauf …

Ludwig Janssen © 6. 12. 2017


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Innehalten, und dann …


Selten schön! Herr Schalupke lauschte dem Schwingen des Sterns nach, das, gleich dem Flügelschlag eines Schwans, durch die Morgendämmerung schnitt.
"Tüüü..."
Das Huhn hatte Hunger.
Eine Katze sprang auf die Bank und schaute ihn aus schwarzen Augen an.
"P°ck?"
Schalupke schlug zu.

Donnerstag, 7. Dezember 2017

So ganz ohne … und die Pflicht

Mit freundlicher Genehmigung durch Rittiner&Gomez, Spiez, CH


Milla Cremeso zog die Ladentür hinter sich ins Schloss. Mit allem hatte sie gerechnet, nur nicht damit, dass es in den Notunterkünften am Rande des Dorfs keinen Tarik gab. Gab … geben sollte? War der freundliche Sozialarbeiter der Stadt vielleicht nur schlecht informiert?

Ruhetag. Und doch keine Ruhe. Dazu noch der zu erfüllende Auftrag, und der Termin der bevorstehenden Verlobung war nicht mehr weit. Betrübt machte Milla sich auf den Weg in ihre Backstube. Dort herrschte Ordnung. Alles blitzeblank, alles an seinem Platz. Das Weiß der Arbeitsplatte lud Milla ein, den ersten Wurf ins kreative Tüfteln zu tun. Sie trat heran, griff sich Mehl, Eier, Rührschüssel und Mixer, Zucker, Vanillin, Backpulver, Speisestärke, das Salztöpfchen. Einen Anfang machen, beginnen, dann würde sich alles Weitere ergeben.

Alles Weitere ergeben. Beginnen. Milla konnte sich an kein Rezept erinnern, in dem von Tortencreme aus Pflaumen die Rede gewesen war. Blechkuchen mit Pflaumen – die Rezepte waren Legion. Beginnen … innen sah es ganz anders aus. Ob sie nicht besser doch allein zu den Fremden gegangen wäre, nachgefragt hätte? Warum nur hatte sie nicht den Weg über die Straße genommen? Hin zu den Wohncontainern. Die letzten Meter gehen, die letzten, die letzten? Die letzten Meter eines Irrtums hin zu einer Enttäuschung. Einer Selbsttäuschung, vielleicht, der sie, Milla, aufgesessen war.

Der Tortenboden aus Biskuitteig entstand wie nebenher und wölbte sich im Backofen wie ein atmendes Tier der Vollendung entgegen. Pflaumen, wir sind doch keine Pflaumen! Die junge Frau hatte sich vehement gegen diesen Vergleich verwehrt. Wehr. Was war bedrohlich an einem Vergleich mit Pflaumen? In China, so hatte Milla gelesen, galt der Pflaumenbaum als Baum der Erkenntnis. Und im vorderen Orient sollte, las sie, die Pflaume symbolisch für Unberührtheit stehen und sogar als Glückssymbol gelten. Die im Kulturkreis der jungen Frau abwertende Zuschreibung Pflaume für einen Menschen mochte hier Auslöser sein für die heftige Abwehr.

Der vordere Orient, also auch Syrien, also auch Tarik. Wo mochte der Junge nur stecken, und, das bedrängte Milla noch viel mehr, wie mochte es ihm ergehen, jetzt, irgendwo da draußen? Pflaumen. ‚Milla, reiß dich zusammen‘, dachte sie und versuchte, sich auf den Auftrag zu konzentrieren. Die Creme! Die sollte eine mit Pflaumen sein. Und doch, nein, lieber keine Stücke, keine Fasern. Aber wie? Und überhaupt, so, wie sich die junge Frau dermaßen zur Wehr gesetzt hatte gegen die Pflaume als zentrales Thema der Torte, die nicht nur dem Geschmackssinn des Paares, sondern auch jedem unbeteiligten Gaumen das Bild der jungen Liebe wachrufen sollte. Dürfte sie, Milla, das ignorieren? ‚Tarik ist jetzt irgendwo da draußen. Vielleicht braucht er meine Hilfe‘. Tarik, er hatte ihr zugehört. Ohne Vorbehalte. Hatte gelten lassen, was sie an Bildern zu ihren Torten entwarf. Milla stieg in den Keller hinab und holte sich ein Glas eingeweckte Pflaumen, gab den Inhalt in einen Topf, erwärmte die Pflaumen und passierte sie durch ein Sieb.

Der Duft süßer Pflaumen erfüllte den Raum. Sommer, Spätsommer. Blauer Himmel. Der Wind wispert im Laub des alten Baumes, eine jugendliche Milla kostet eine reife Pflaume und spürt den Saft der süßen Frucht ihr Kinn hinabrinnen.

„Etwas mit Pflaumen?“


Mittwoch, 6. Dezember 2017

Sterne und Walnüsse


Oft schon hatte er so für sein Huhn Walnüsse geknackt und seine Freude daran gehabt, wie es emsig pickend umherlief. Zurück am Tisch nahm er Maß, tickte den Stern mit dem Fäustel an und ... PING! Glockenreiner Klang. Die Würmchen in seinem Innern, die sich wanden und schimmerten.


Dienstag, 5. Dezember 2017

Ein Huhn sieht dich an


Herr Schalupke betrachtete den Stern, die sich ineinander schlingenden Würmchen, deren Schimmern.
"Das willst du fressen?"
Sein Huhn tippelte näher und schaute ihn erwartungsvoll an.
"Na, gut ..."
Schalupke lief zum Schuppen, kramte in einer Kiste, kam zurück. Mit einem Fäustel.


Freitag, 1. Dezember 2017

Hunger


Tüüü... Ein heiseres, sehnendes Tüüü im Schnabel lief das Huhn zwischen die fluoreszierenden Kugeln, pickte sie pling! pling! pling! an.
"Ah!"
Herr Schalupke erkannte: Sein Huhn hatte Hunger. Er griff sich einen der pflaumengroßen Sterne. Der lag kühl in seiner Hand. Es kitzelte.

Ludwig Janssen © 1.12.2017

Mittwoch, 29. November 2017

Auf der Suche

Mit freundlicher Genehmigung durch Rittiner&Gomez, Spiez, CH

Der Montag begrüßte Milla mit mildem Sonnenschein. Die Morgen waren um diese Zeit bereits kühl und die Straßen des Dorfs atmeten um diese frühe Stunde noch den Nebel, der in der Nacht vom See her aufgestiegen war und das Pflaster benetzte.

Es dauerte nicht lang, da hatte Milla die Unterkünfte erreicht, die man vor dem Dorf errichtet hatte. In fünf Wohncontainern waren sieben Familien untergebracht worden, die dem Dorf über die verwaltende Stadt zugeteilt worden waren. Proteste gegen diese Maßnahme waren nicht ausgeblieben, doch war unklar, ob diese den Fremden galten oder der Verwaltung der nahe gelegenen Stadt, deren scheinbarer Willkür die Dörfler sich nicht zum ersten Mal unterworfen fühlten. Maßnahme und Menschen wurden jedoch gleichermaßen abgelehnt und offensichtlich ignoriert. Man wich aus. Auf die andere Straßenseite, auf ein anderes Thema. Überließ die Fremden den Sozialarbeitern der Stadt, den Streifenpolizisten. Dem Wachdienst, der nach schockierend menschenverachtenden Ereignissen andernorts auch für diese vergleichsweise kleine Ansammlung so etwas wie Sicherheit gewährleisten sollte.

Ein paar Kinder spielten auf dem festgefahrenen Sand des Vorplatzes der Container im Staub. Milla hielt inne und betrachtete sie aus der Ferne. Jedes von ihnen ähnelte Tarik in Erscheinung und Auftreten, doch ihn selbst konnte Milla nicht ausmachen.

„Kann ich Ihnen helfen?“

Ein Mann war, ohne dass sie das bemerkt hatte, an sie herangetreten. Milla wich zurück.
„Kann ich Ihnen helfen?“

Milla fasste sich ein Herz: „Kennen Sie sich hier aus?“

„Ich betreue Flüchtlinge, auch die hier untergebrachten. Zu Beginn kamen oft Leute aus dem Dorf her und gafften.“

„Da können Sie mir in der Tat weiterhelfen. Cremeso mein Name, ich spendete unlängst ein Blech Pflaumenkuchen, Altkleider und Spielsachen. Ich suche nach einem ungefähr sieben Jahre alten Jungen, Tarik, der mich in meiner Konditorei besuchte …“

„Hat er ‘was ausgefressen?“

„Nein, um Himmels Willen, alles ist in Ordnung, ich …“

„Wie war sein Name?“

„Tarik.“

„Tut mir leid, da muss ich passen.“ Der Mann zuckte mit den Achseln: „Hier gibt es keinen Jungen, der Tarik heißt.“

„Sie sind sich sicher? Ungefähr so groß“, Milla deutete es an, “lockiges Haar, schwarze Augen und …"

„Diese Beschreibung passt auf viele der Flüchtlingskinder“, fiel der Mann ihr ins Wort, „doch ich kenne alle bei Namen, die in diesen Unterkünften hier hausen.“

„Und?“


„Ein Tarik ist nicht dabei.“

Gedichte wünschte sie sich zum Geburtstag


Einer Fremden schenken, etwas
das nicht Allgemeinplatz, zugig
nachts und menschenleer nach
dem Gedränge. Etwas, das des
Herzens Enge unverhofft ent
spannt (einen Regenbogen über
sie, das ihr gewohnte Land) er
hellt, macht weit. Sei diese kleine Auf
merkdasistnurfürdichsamkeit.


Ludwig Janssen © 29.11.2017

Im Garten


Wenn Hühner etwas genauer betrachten, obs nun ein Bussard ist oder ein Wurm, neigen sie ihren Kopf zur Seite, weil sie dann besser sehen können. Herr Schalupke lief in den Garten. Irgendetwas raschelte im Gebüsch. Seine Traumgestalt sah er schwinden, wie Rauch.

Was'n hier los?

Ludwig Janssen © 29.11. 2017