Mittwoch, 30. November 2016

Bobel


Sie sitzen
und lachen

Kainer
und
Niamant

seltsame Brüder
seltsames Land.


Ludwig Janssen © 25.4.2007

Montag, 28. November 2016

Einem neuen Tag entgegen

Mit freundlicher Genehmigung durch Rittiner&Gomez, Spiez, CH


Wieder verschwand der Kater und ließ Ratur alleine zurück. Der drehte sich auf dem Sofa zur Seite und schloss die Augen. Schwarz. Was sonst? Der ihn ausdachte, machte seine Existenz am Funktionieren seiner Sinne fest und meinte, dass, würde er einst enden, alles enden würde in Stille und Dunkel. Doch nicht einmal die, dämmerte Ratur, würde es geben, müssten sie doch erst einmal gedacht sein, aus dem zu Denkenden hervor gedacht.

Die Welt hatte sich, derweil Ratur auf dem Sofa gelegen hatte, weitergedreht. Hatte sich nicht um Ratur gedreht, dass der unverändert geblieben wäre, sondern hatte sich gedreht mit Ratur auf ihr und in ihr eingeschlossen. Die Strahlen der aufgehenden Sonne woben zunächst Licht ins Dunkel, dann Farbe. Allgemächlich fluteten Licht und Farben Raturs Zimmer, Raturs Welt, Helligkeit sickerte durch seine geschlossenen Lider. Hob ihn aus dem nachtblauen Sofa.

Schweigend ging Ratur in die Küche, brühte einen Kaffee auf. Während er den Kaffee schlürfte, die Tasse in seiner Rechten, betrachtete er seine linke Hand. Drehte und wendete sie. Einerlei, ob er nun Mensch war oder literarische Gestalt, er bestand aus kleinsten Teilchen, die sich zueinander und ineinander gefügt hatten, die er wahrnahm aus deren Wechselspiel untereinander und dem mit seinen Sinnen. Aus Impulsen, die entstanden aus seine Nervenfasern entlangrasenden elektrischen Entladungen, reflektierten Photonen und deren Einschlägen, deren Rezeption. Und unermesslich viel leerem Zwischenraum. Aus Teilchen, von deren gehäufter Aufenthaltswahrscheinlichkeit sich das manifestierte, was er Körper nannte oder … die Geschichte. Seine Geschichte. Die, die ihn erzählte, und auch die Geschichten, die aus ihm entstanden und aus der Tatsache, dass sie in anderen Welten als der seinen fortgeführt wurden.

Wo, fragte sich Ratur, wäre da Platz für ein Ich? Ob das Ich ein Raum wäre, so wie eine Geschichte ein Raum ist, der erzählt sein will, zu Ende erzählt, um sich zu erfüllen?


Ratur schwieg. Suchte seine Siebensachen zusammen, zog die Tür hinter sich ins Schloss und ging die Stiegen hinab zu seinem Rad, das an der Hauswand lehnte.

Mittwoch, 23. November 2016

Die 26 Krähen der Bess D.


Sechsundzwanzig Krähen, / Flattern hinaus auf die Felder / aus Winterfrucht und Winterfurche / trugen sie zusammen / in ihren Hälsen, Kröpfen, Mägen / zurück auf den Schlafbaum / Plustern im Dustern / rückt die Welt zusammen so / weit die Krähen flogen

Da werden Welten zusammengelegt, jede ein Stück zum Ganzen.

Pappeln, ich sah sie sich über Pappelhainen sammeln, in die sie mit der Dämmerung einfielen. Schlafbäume nennt man das. Sie haben sich viel zu erzählen, meint man, krah, krah - und sechsundzwanzig sammeln sich nachts in meiner Schlaflosigkeit, sagen Sòrrr und anderrre Dinge.

Bloß nicht lieben bleiben, bloß nicht liegen bleiben …


Gleich kommt das Bäckerauto ins Dorf, mein Luxus dieser Woche werden zwei Käsestangen sein ... mnjammi ... (Im Hinterkopf rechne ich bereits aus, dass ich für jede mindestens fünfzehn Minuten laufen werden muss, um zu verbrennen, was sie mir einbringen.) Laufen, verbrennen, was man in sich hineinfraß. Verbrennen.

Krahja, sagten sie, hast’ es gelesen?

Sechsundzwanzig Krähen, / Flattern hinaus auf die Felder / aus Winterfrucht und Winterfurche / trugen sie zusammen / in ihren Hälsen, Kröpfen, Mägen / zurück auf den Schlafbaum / Plustern im Dustern / rückt die Welt zusammen so / weit die Krähen flogen

… Sechsundzwanzig schwarze Krähen auf der Tastatur … a,b, c…y, z.

Sechsundzwanzig Krähen, / Flattern hinaus auf die Felder / aus Winterfurcht und Winterfurche / tragen sie zusammen / in ihren Hälsen, Kröpfen, Mägen / zurück auf den Schlafbaum / Plustern im Dustern / rückt die Welt zusammen, soweit die Krähen flogen

Laufen, verbrennen, was man in sich hineinfraß. Krahja, sagten sie, hast’ es gelesen?... 

Sechsundzwanzig sammeln sich nachts in meiner Schlaflosigkeit, sagen Sòrrr und anderrre Dinge. Sòrrrgen und andre Dinge. Sòrrrgen.


… Fressen ihn die Raben


Ludwig Janssen © 19.2.2008

... Komm!



Für ein Klopfen, nicht länger
auf der Innenwand Graffiti
Flügelschlag im Dunkel – Pflaume
und schon ist es fort

Löste sich wohl im warmen
Rot, getragen durchs Geäst
schrieb Sternanis ins Hirn
Birnen und Orangenblüte

Wiegt aus Pottwalen sich auf
dem Meer in Sonne und Salz
Ein schwarzes Hirschlein
auf Alabaster springt es davon:


Ludwig Janssen © 2.6.2009

Montag, 21. November 2016

Sein oder Nichtsein

Mit freundlicher Genehmigung durch Rittiner&Gomez, Spiez, CH

Noch immer lag Ratur auf dem nachtblauen Sofa aus Plüsch, nur dass seine Rechte nicht mehr in luftiger Höhe, sondern in seiner Hosentasche tastete, nach den Schneckenhäuschen tastete, die er am Nachmittag mitgenommen hatte vom Strand. Er zog sie hervor. Die meisten hatte es auf dem Weg vom Meer in die Stadt zerrieben. Wie es verlassenen Schneckenhäuschen, die man sich bewahrt, nun einmal so ergeht, waren sie auf der Strecke geblieben. Irgendwo unterwegs. Das, was sie ausmachte, war unwiederbringlich zerstört, nicht so der Stoff, aus dem sie bestanden hatten.

Eines der Schneckenhäuschen hatte den Tag überstanden. Ratur rollte es zwischen den Fingern, betrachtete es, wog es in seiner Handfläche und fuhr damit seine Gesichtszüge entlang. Er fragte sich, was, wäre er ein Schneckenhaus, mit ihm geschähe, wenn seine Geschichte erzählt und vergessen wäre. Keine Antwort. Die Stimme aus dem Abseits war verstummt. Kein Kater, der es sich auf Raturs Bauch gemütlich machte und sich dort mit Raturs Atmen wiegte.

Ein Schneckenhaus sollte er sein? Ein Schneckenhäuschen, entstanden in einem Schneckenhäuschen. Viele und – keines. Nicht aus Aragonit bestehend, sondern aus Geschichten von – und deren Weiterdrehen in – anderen Menschen. Eine Welt, die, scheinbar aus dem Nichts entstanden und aus sich selbst verständlich, in eben solchem enden könnte, jedoch ohne sich darin zu verlieren. Weil er, ungeachtet des einen, unwiederbringlichen Untergangs, in vielen anderen Welten existent bliebe.

Ratur erinnerte sich an seinen Tag am Meer und daran, wie unendlich weit ihm dessen Wogen erschienen war. Welle an Welle, Tropfen an Tropfen. Daran, dass es über dem Meer geregnet hatte. Dass Wolken feinster Wassertröpfchen über seinen Kopf hinweg landeinwärts gezogen waren und mit dem Grundwasser unter seinen Füßen den Gezeiten folgten. An den Horizont erinnerte Ratur sich und wie dieser, je nachdem, aus welcher Perspektive Ratur nach ihm suchte, nah war und fern schien – doch zugleich unerreichbar blieb.

Ratur spürte in sich hinein, seiner Angst nach, sich zu verlieren. Vergessen werden. Wie sich das wohl anfühlen würde. Zumal es sich auf nur eine zerbrechende Welt bezöge und …

Druck. Schwer und schwerer lastete er auf seinem Bauch, seiner Brust. Schnurrte. Wie aus dem Nichts materialisierte der rote Kater und schaute Ratur aus großen Augen an:

Wenn du gehst, Ratur, wenn du endest, irgendwo, irgendwo unterwegs endest, Ratur, in Vergessenheit gerätst, Ratur, dann gehst du zurück in das Weiß, aus dem heraus du entstandest.

Schön, dass du wieder da bist, Kater. Warst du in jenem Weiß?

Ich wurde daraus, doch kann ich im Weiß nicht sein, weil ich nicht mehr bin, wenn ich ins Weiß gehe. Alles ist Weiß, Weiß ist alles. Das Ungedachte. Das zu Denkende.

So wie Menschen?

Die Menschen meinen, dass sie, wenn sie enden, ins Dunkel gehen. Dass sie sich auflösen. Sie nennen es Tod. Ihnen wird schwarz vor Augen, ohne Wiederkehr, und sie gehen ins Schwarz. Manche hoffen, in ein Licht gehen zu können, weißes Licht, also ins Weiß. Dabei zerfallen sie lediglich in ihre Bestandteile.

Sie zerfallen in ihre Bestandteile? So wie wir?

Nein, Ratur, anders. Du bestehst in ihnen, gehst in ihren Geschichten, und endest, mit jeder Welt, die ohne dich ist, im Vergessen. Doch solange Menschen sich Geschichten erzählen, sie niederschreiben, werden literarische Gestalten wie du und ich auf – und aus dem Weiß entstehen, Schwarz auf Weiß, in steter Wiederkehr. Doch zugleich unsterblich sein im Erinnern vieler anderer. Daher sind wir keines und viele, wenn du uns mit dem Schneckenhäuschen vergleichst, das du in deiner Hand hältst. Wir kamen aus dem Weiß und aus dem Schwarzen auf dem Weißen stehen wir auf.

Und Menschen?

Menschen bestehen aus Körper, Geist und Seele – und diese Dreieinigkeit verliert sich, gerät aus dem Zusammenhang, unwiederbringlich. Der Geist, an die Existenz des Körperlichen gebunden, verliert sich zuerst, und damit enden Persönlichkeit und Integrität. Dann der Körper, der verwest. Die Seele – man glaubt und hofft, dass es die gibt, sei unsterblich, heißt es. Sie bleibt. Sie ist das Licht, ein göttlicher Funke.

Licht?

Ja. Das Weiße im Schwarzen, des Menschen Dunkel.

Dann ist die Seele so etwas wie das zu Denkende?

Eher so etwas wie das Gedachte, Ratur. Ohne den Menschen dann wieder das zu Denkende im zu Denkenden.

Dann haben auch die Menschen einen – Ausdenker?

Sie hoffen es, hoffen, nicht in Vergessenheit zu geraten. Hoffen auf Wiederkehr, darauf, neu erzählt zu werden, auf eine neue Geschichte mit ihnen darin. Hoffen, weiterzuleben in ihrer Seele.

Und die geht ins Licht, die Seele?

Wenn sie geht, wenn – geht sie ins Weiß, Ratur.

Dann …

Ja, Ratur?

… ist die Seele, wie wir, literarische Gestalt?


Ja, Ratur. Zumindest dann, wenn man von ihr erzählt als von etwas, um dessen tatsächliche Existenz man nicht weiß, ergeht es ihr so wie uns literarischen Gestalten.

Samstag, 19. November 2016

müdes Gedicht



nach …
der Jugend
der Liebe
den Kindern
der Arbeit
dem Herschenken
dem Verlieren
… Hause


Ludwig Janssen © 22.9.2005

Freitag, 18. November 2016

Geburtsakt der Philosomnie


Erschrocken staunt der Welten Schlaf mich an
als sähe er den ersten Menschenmann
Sein Blick entrückt, wir stehen wie ein Schaf
ich seh’ zum ersten Mal den eignen Schlaf.

Ludwig Janssen © 7.7.2007


Frei nach: Geburtsakt der Philosophie (Christian Morgenstern)

Mittwoch, 16. November 2016

Der Nachtisgrau

Die Nacht ist grau 
der Nachtisgrau
ist ein Novembervogel

Plustert seine Nebel auf und
krallt sich ins Gemüt
Hockt sich in den Nacken, still
dem, der Abschied nehmen will

Wer je von einer Brücke sprang
dem sang schon lang der Nachtisgrau
sein Solitüdelüt

Ludwig Janssen © 30.11.2009 (Erstveröffentlichung)

Montag, 14. November 2016

Von Schneckenhäusern

Mit freundlicher Genehmigung durch Rittiner&Gomez, Spiez, CH

Sagte auch der … ach ja, du weißt. Doch Menschen können nur an einem Ort existieren und haben nur diese eine Existenz, die sie mit niemand anderem teilen.

Ratur, auch ein Mensch kann in der Vorstellung anderer präsent sein, kann wirklich sein, und zwar als Abbild. Eines, das diesem Menschen ähnelt, ihn jedoch nicht ausmacht. Doch zugleich ist es ein Teil der Wahrheit, die diesem Menschen zuteil ist.

Auch ich bin lediglich ein Abbild. Doch anders als du eines ohne materiell verkörperte Entsprechung. Das unterscheidet uns, Mensch.

Doch eint uns die Angst, nicht der sein zu können, als den wir uns erleben.

Ist diese Angst dieselbe?

Die gleiche, und ja, Ratur, sie ist die gleiche, weil wir in Frage gestellt erleben, was wir als selbstverständlich annahmen. Wir Menschen nahmen – und nehmen es an, von wem auch immer, und sei es aus den Wirren der eigenen Gedankengänge. Der Unterschied, was also macht, dass es nicht dieselbe Angst ist, sondern nur eine gleiche, ist, dass dir als literarische Gestalt nichts anderes übrig bleibt, als das als Eigenes zu tragen und spiegeln, was man dir zuschreibt. Dem Menschen bleibt die Wahl, es anzunehmen, sich zu eigen zu machen – oder auch nicht.

Der Mensch ängstigt sich, in Frage gestellt zu erleben, was ihm selbstverständlich ist?

All unsere Selbstverständlichkeit, unser Sehnen nach übergeordneten, sich selbst zu universeller Ordnung fügenden Zusammenhängen, in denen wir es uns gemütlich einrichten, unser Sehnen nach Harmonie gleicht einem Schneckenhaus. Einem Schneckenhaus, in das zurückgezogen wir leben und in dem wir uns mit uns und der Welt einig wähnen. Dabei bildet sich die Welt um uns lediglich aus unserer Vorstellung ab, ist, was unsere Sinne uns zu erkennen lassen von dem, was ist und sein könnte. Ist das Schneckenhaus selbst. Alle Selbstverständlichkeit ist nicht mehr als ein Schneckenhaus, Ratur, die Fibonacci-Formel eingeschlossen, in all dessen Drehen und Winden auf eine kleine Spitze zu, die es der Welt hinhält wie du deinen ausgestreckten Zeigefinger dem meinen. Mit einem kleinen Wesen darin, das sich ohne dieses Häuschen und dessen Drehen der eigenen Existenz nicht sicher fühlt.

Und in einem dieser Schneckenhäuser gibt es mich?

In einem dieser Schneckenhäuser, Ratur, finden sich aus den Teilen jener Welt Wörter und Bilder zu einer Idee, zu Ideen, zu einer Geschichte mit dir darin.

Dann bin ich …

Eigentlich nichts weiter als ein weiteres Schneckenhaus in einem Schneckenhäuschen. Eines, dessen Drehen und Entstehen sich in ungezählten weiteren Schneckenhäusern wiederfindet. Mag sein, dass es sich sogar wieder findet, vielleicht aber auch zu anderen, ähnlichen Schneckenhäuschen, immer wieder. Eine, wenn es gut läuft, immer größere Kreise ziehende Spirale.

Dann habe ich, Ratur Lite, im Grunde genommen nichts zu fürchten.

Ja.

Selbst, wenn ich mich auflöse?

Selbst dann. Weil du entstehst aus Menschen, ihren Ideen.

Und die Menschen mit ihren Ideen?

Wir warten in jenem ängstlichen Innehalten und Furcht, uns aufzulösen, auf jemanden, der sich vor dem Schneckenhaus niederlässt und singt, dass alles gut ist und seine Ordnung hat. Auch dann, wenn wir das Schneckenhaus verlassen. Und tun wir so, schleppen wir es mit uns …

Kann der Mensch ein derartiges Schneckenhaus nicht abstreifen, verlassen?

Legt er ein altes Schneckenhaus, eine alte Selbstverständlichkeit ab, trägt er bereits ein neues, Ratur, das sich nach und nach verfestigt und seine eigenen Kreise zieht. Wieder auf eine kleine, einsame Spitze zu, die einmal ihr Anfang war.

Wenn ich in den Schneckenhäusern anderer Menschen entstehe, neu, immer wieder, wenn ich mir selbst kein derartiges Schneckenhaus erschaffen kann – bin ich dann frei von jeder Selbstverständlichkeit?


In der Tat hast du literarische Gestalt es besser, Ratur Lite. Mag sein, dass jemand aus dir ein Schneckenhäuschen entstehen lässt, eine Selbstverständlichkeit, in der er es sich einrichtet. Doch ist es nicht diese eine Selbstverständlichkeit, dieses eine Schneckenhaus, das dich, Ratur Lite, ausmacht. Du bist davon frei, denn du, Ratur Lite, du bist viele und - keines.

Montag, 7. November 2016

Der Ausdenker

Mit freundlicher Genehmigung durch Rittiner&Gomez

Mit einem Mal fand Ratur sich wieder auf dem nachtblauen Sofa sitzend vor, in seiner Wohnung, den Kater auf dem Schoß, doch sprang der in weitem Bogen hinab und auf die Wand zu. Und im selben Augenblick, da Raturs Ausruf noch den Raum erfüllte, sprang er hindurch und verschwand, ohne eine Spur zu hinterlassen.

Ratur tastete zunächst die Wand ab, die seinen suchenden Händen Widerstand bot, dann sich selbst, fuhr die Konturen seines Körpers entlang. Er existierte. Hier und jetzt. Doch irgendwo anders existierte er ebenfalls, das wusste er jetzt, und zwar nicht nur ein weiteres Mal, sondern ungezählte Male, als Idee, Geschichte. Irgendwo malte ihn irgendwer und ließ ihn neu entstehen, parallel zu seiner derzeitigen Existenz, die in auf dieses Sofa, in diese Stadt am Meer stellte.
Ermattet legte Ratur sich auf sein nachtblaues Sofa:

Wer bin ich – hier, jetzt?

Diese Frage hing im Raum. Ratur lag auf dem Rücken und schaute an die Decke. Erwartete, dass sich dort ein Bild auftat. Eines, in das er vom Sofa aus hinauf – oder hinab sehen konnte. So wie jenes Bild mit Gerda darin sich aufgetan hatte. Oder eines mit aufgewühlt wogender See darin sollte sich auftun, die ihn, Ratur, aus den Farben, mit denen er sich gemalt und festgehalten gesehen hatte, löste und mit sich fortnahm.

Wer bin ich? Hier, jetzt?

Ratur lag auf dem Rücken und, Michelangelo hätte seine Freude daran gehabt, hielt seine Rechte, den Zeigefinger wie tastend ausgestreckt Richtung Decke …

Hier nimmst du einen Anfang, jetzt. Immer wieder neu. Ratur Lite bist du, und dich habe ich ausgedacht. Gerade so, wie du da liegst und dich fragst, wer du bist …

Nichts mehr, aber auch gar nichts konnte Ratur Lite aus der Fassung bringen. Hatte er doch einen Kater sprechen, entstehen und verschwinden sehen und sich selbst transzendieren und materialisieren an ihm fremden Orten.

Du bist …?

Dein Ausdenker.

Ein Mensch?

Ja.

Warum?

Warum was?

Warum hast du mich ausgedacht?

Du entstandest, Ratur Lite, aus einer Wolke von Ideen. Bist eine der literarischen Gestalten, die in meiner Vorstellung aufgehen wie Sonnen und um die ich Geschichten kreisen lasse wie Planeten.

Das hat auch der Kater …

Ich weiß, Ratur.

Entschuldige, Mensch. Bin ich dein Geschöpf?

In gewisser Weise ja, und doch, da du, einmal erdacht, imaginiert und anderen evoziert, auch ohne mich entstehen kannst, werden und sein, auch wieder nicht.

Auch der Kater.

Auch der.

Der Kater meinte, dass ich mich an dich zu wenden habe mit meiner Angst.

Mit deiner Angst, dich aufzulösen in – nichts? Du weiß nicht, wer du bist, wenn du nicht der sein kannst, als der du selbst dich erlebst, weil andere dich erleben und deine eigentliche Existenz sich aus diesem Immer-wieder-neu-Entstehen anderer Geister als dem meinem erklärt?

Ja.


Den Menschen ergeht es nicht anders.