Mittwoch, 21. September 2016

[...]

Wo Himmel und Erde sich
du mich, viel Leicht ist die
Schwere. Leichter zu binden
bindest du mich und
drei, die hier nicht fehlen.

Ludwig Janssen © 21.9.2016

Montag, 19. September 2016

Hinter dem Horizont

Mit freundlicher Genehmigung durch Rittiner&Gomez, Spiez, CH


Eine ältere Frau in Weiß kam auf sie zu.

Möchten Sie nicht auch zu Bett gehen, Frau … - und dann folgte der Name, mit dem man sie hier ansprach, der nicht mehr der ihre war, der sich verloren hatte aus ihrem Erinnern.

Niemand zu Hause.

Gerda?

Ja. Gerda. Diesen Namen hatte die Mutter ihr gegeben, er war ihr vertraut. Die Mutter, in deren Stimme immer von dem lag, was sie rufen ließ, das hatte sie immer sogleich erkannt. Mal war es eine Frage, dann wieder Tadel, dann wieder angstvolles Suchen, doch immer fand sie eine Umarmung darin. Gerda. Beinahe ein Schlüssel. Der an einem Band um den Hals baumelt. Die passende Tür dazu …

Gerda?

Hm?

Sie müssten doch eigentlich rechtschaffen müde sein nach so einem Tag, Gerda.

Müde?

Ja, müde. Etwa nicht? Wie war Ihr Ausflug ans Meer?

Sie schenkte ihrem Gegenüber ein Lächeln. Eines von der Art, das mit dem Wind geht und sich hinterm Deich verliert. So, wie ihr Blick sich in einer Ferne verlor, die wie das Vergessen selbst noch weiter war als dass ein Blick hätte hinüber gelangen können.

Ich mag noch nicht schlafen gehen.

Kommen Sie, wir waschen uns, machen uns bettfertig und dann setzen wir uns noch eine kleine Weile ins Stationszimmer, bis die Nachtschicht kommt.

Das war rasch geschehen, ein Nachthemd schnell gefunden und das liebgewonnene blaue Kleid hing über dem Stuhl, bereit für ein fernes Morgen. Kräutertee dampfte. Das Licht war mittlerweile gedämpft worden und die Stille ging auf Zehenspitzen zwischen Sekundenzeigern und Schnarchen über den Flur.

Wie war ihr Ausflug ans Meer, Gerda?

Gerda spielte in ihren Locken, strich sich durchs Haar und roch daran.

Salz!

… hielt sie ihrem Gegenüber die ausgestreckte Rechte hin und fühlte sich auf seltsame Weise wohl und blieb. Blieb die, die sie war, wer auch immer. Gerade so, wie auch das Meer da war und blieb. Mit seinem Horizont, daraus Schiffe auftauchen und darin verschwinden. Wie der auch bleibt, wenn die Flut sich dorthin zurückgezogen hat und die Menschen sich hinauswagen auf den Meeresgrund.

Das riecht noch nach Meer. Dann war es ein schöner Tag.

Ich weiß es nicht.

Wie fühlen Sie sich?

Gut.

Dann war es ein schöner Tag.

Ja.

Sie mochte den weichen Klang der Stimme, die Gelassenheit, die sie verströmte. So hatte Mutter ihr vorgelesen beim Zubettgehen. Das Viertelstündchen, bevor das Licht ausging. Ein fernes Segel. Horizont. Dahinter ihr Erinnern. Kein Schiff vor Anker, nur das Vergessen, Ihr Vergessen, das anlandete und zerbrochene Schneckenhäuschen vor sich her rollte. Sich dann wieder zurückzog, immer wieder. Das sich ausbreitete und wiegte bis zu der fernen Linie, an der Himmel und Meer sich zu berühren schienen. Ruhe breitete sich aus. Vom Flur her und aus dem Klang der Stimme ihres Gegenübers, schmeichelte ihren Sinnen. Müdigkeit stieg auf.

Gerda? Wo sind Ihre Gedanken, Gerda?

Bilder erinnern. Auch so eine Art Deich mit Meer davor und einem Menschen dahinter, der Rad fährt. Sie lächelte und schaute ihr Gegenüber an auf eine Art, die offen ließ, wem ihr Blick galt – einem fernen Irgend, dem freundlichen Kopfnicken ihres Gegenübers oder einer fernen Galaxie.

Möchten Sie jetzt zu Bett gehen, Gerda?


Kommen Sie, es wird langsam Zeit.


Gerda?

Gerda erhob sich mit der zurückweichenden Flut und machte sich auf den Weg zum Horizont.


Montag, 12. September 2016

Die Frau im Fenster

Mit freundlicher Genehmigung durch Rittiner&Gomez, Spiez, CH

Sie saß auf der Bank in der Fensternische, saß einfach da, einfach nur da. Ringsum geschäftiges Treiben. Weiß gekleidete Menschen liefen über den Flur und pickten sich einen Alten nach dem anderen, verschwanden mit ihm hinter sich lautlos schließenden Zimmertüren. Essenszeit vorüber, Waschen und zu Bett gehen waren an der Reihe, für jeden, auch sie. Das sagten die in Weiß jedenfalls jedem, dem sie die Hand auf die Schulter legten, zu dem sie sich hinabbeugten und den sie freundlich, jedoch bestimmt mit sich nahmen. Alles im Fluss. Alles ging seinen gewohnten Weg. Einen gewohnten Weg, der nicht der ihre war. Dies war der Weg der in Weiß Gekleideten. Noch war sie nicht an der Reihe. Da waren die Frau mit der Decke, die Frau im Rollstuhl und der Alte im Sessel gegenüber. Die mit der Decke hatte sich diese um die Schultern gelegt und schlurfte den Flur auf und ab, nestelte an ihrer Kleidung und wehrte jeden der Weißen ab, der sich ihr näherte. Die Frau im Rollstuhl war dran, warf die Arme nach vorn, als man ihren Rollstuhl nach hinten zog und mit ihr aufs Badezimmer zusteuerte. Der Mann schlief, aus seinem Mundwinkel troff ein zäher Faden Speichel. Sie weckten ihn auf, halfen ihm in den Stand und führten ihn zu einem der Zimmer. Als sie zu ihr kamen, hob sie abwehrend die Hände … bitte! … und sie wandten sich mit der ihnen eigenen zügigen Unaufhaltsamkeit der mit der Decke zu. Unter Zetern und Fuchteln brachten sie die auf deren Zimmer. Allmählich wurde es stiller.

Dann kehrte Ruhe ein.

Hatte man sie vergessen? Das Vergessen jedenfalls nicht. Es breitete sich nun schon geraume Zeit in ihrem Leben aus und nahm es in Besitz. Ergriff von ihr Besitz. Ließ sich nicht abwehren, nicht bitten. Hatte das Vergessen ihr zunächst die Erinnerung an den zurückliegenden Tag genommen, verloren sich mittlerweile schon die Ereignisse der vergangenen Stunde aus ihrem Horizont. Schlimmer noch, ihr Erkennen selbst verlor sich nach und nach. Ließ sie zurück in trügerischer Unruhe. Einstmals vertraute Gesichter fügten sich nicht mehr selbstverständlich zu Vertrautheit, Geschichten, Bedeutung. Je mehr sie ihren Halt verlor mit dem, was man Wirklichkeit nennt, je mehr ihre Sinne sie im Stich ließen, umso mehr suchte sie. Nach Ausgleich, Ruhe, ihrem inneren Gleichgewicht. Und das war nichts, was ihr Verstand ihr noch zu geben imstande war, jenes zerfallende Wrack trügerischer Selbstverständlichkeiten.

Ebbe. Sie zog sie mit sich hinaus aufs Meer, hinter den Horizont. So weit, dass nicht einmal die Möwen ihr folgen mochten.


Montag, 5. September 2016

Das habe ich so nicht gemeint!

Mit freundlicher Genehmigung durch Rittiner&Goemez, Spiez, CH

Ratur hörte sich rufen und erschrak vor sich selbst. Nicht nur, dass er eine Katze sah, wo eigentlich keine sein sollte, nicht nur, dass er zudem sich mit dieser Katze unterhalten hatte, nein. Gerade jetzt, als sich dieser Spuk der Realität zu ergeben begann, wollte er diese Rückkehr zu gewohnter, lieb gewonnener Normalität aufhalten, ja, rückgängig machen!

Puh! Das war knapp …

… purrte der Kater ihm jetzt Nase an Nase entgegen und rieb seinen Kopf ins Gesicht Raturs …

Beinahe hättest du mich geopfert.

Geopfert?

Kleine Wirklichkeiten sind wir, einander und jedem. Doch können wir einander leugnen und uns vernichten, also das, was wir uns wirklich sind – und, dass wir uns wirklich sind. Und wenn wir einander nicht wirklich sind, sind wir nicht wirklich, ja, sind wir nicht.

Sind wir nicht mehr? Und die Wahrheit?

Die kommt ganz gut ohne uns aus, doch bleiben wir ihr, als Teil, als Teilchen.

Als Teilchen?

Ja, Ratur, Teilchen oder Welle, das kannst du dir aussuchen. Auch das ist wirkende Wahrheit.

Wirkliche Wahrheit? Gibt es auch unwirkliche?

Ja, klar, schau mich an. Du hältst mich für eine unwirkliche Wahrheit. Das ist dein Wirken auf mich.
Wirkende Wahrheit. Dabei wirkst du eigentlich auf dich selbst ein, damit nicht du dich auflösen musst, genauer gesagt deine Vorstellung von der Welt und den Dingen, wie die zu sein und zu bleiben haben. Dass du dich nicht verlierst in dem, was möglich ist. Dass etwas anders ist als es in deiner Vorstellung zu sein hat, stellt dich in Frage – das ist der Käfig, den du dir gebaut und in dem du es dir, ängstlich wie du bist, gemütlich eingerichtet hast.

Ach?

Erinnerst du dich, wie du am Meer standest, die Augen geschlossen und ein Meer vor deinem inneren Auge sahst, dass sich neu schöpfte aus deinen Hören, deinem Fühlen, deinem Erinnern?
Wie das verschwand, als du die Augen öffnetest?

Ja …


Und, erinnerst du dich an … sie?

Samstag, 3. September 2016

… Licht.


Sturm über einer Insel
Dachpfannen Gewinsel oder
Pfeifen hört man den Wind
unter sie greifen, sie fort
locken, „… sollen dich warten
… singen dich ein“, irgendwann
fällt eine darauf rein und in
den Garten

Derweil tanzen See und Wolken
ihr Komm! und Wartet! da
zwischen: Regen und in einem
Haus mit Ziegeldach brennt


Ludwig Janssen © 3.9.2016

Donnerstag, 1. September 2016

... herzen

es ist das schwingen der kleinsten
teilchen der teilchen, die bestimmen
was wir sind, wir klingen ungehört mit
jedem stein, allein, ein all, dem fall aus

engen zusammenhängen und klängen preis
gegeben ein leben
lang weht die zeit durch uns hindurch und
nimmt, was wir geben einem anderen wind
hauch auch alles vater unser schwingt mit
jedem kleinsten teilchen aller teilchen für
ein weilchen singe dein lied aus ganzem


Ludwig janssen © 1.9.2016

Montag, 29. August 2016

Was wahr ist und was wirklich

Mit freundlicher Genehmigung durch Rittiner&Gomez, Spiez, CH

Ja. Wie ist das möglich, dass du im meiner Wohnung auftauchst, dass du … sprechen …

Ich sagte es doch bereits, ich war da – und schon hier, als du kamst!
Das ist nicht wahr!

Hm?

Warum soll ich dir glauben, dass …

Entschuldige bitte, lass uns das in der Wohnstube bereden, dieser Flur atmet Durchgang, ist en passant, Kommen und Gehen, da zieht es mich hinaus. Und außerdem zieht es.

Ein seltsames Paar ließ sich hinter der Fassade des alten Hauses aus der Zeit des Jugendstils auf dem nachtblauen Sofa aus Plüsch nieder. Ratur hatte sich zwar an die Gegenwart des Katers gewöhnt, doch erschienen ihm dessen Auftreten und ihrer beider Unterhaltung surreal. Der Kater hingegen machte es sich auf Raturs Schoß gemütlich, als sei nichts selbstverständlicher auf dieser Welt. Schnurrte, schaute aus großen Augen zu Ratur auf und eröffnete:

Dass ich hier bin, dass ich sprechen kann, erscheint dir – unwahr?

Unwirklich, es ist unwirklich.

Ich wirke, Ratur, da kann ich nicht unwirklich sein.

Doch.

Ratur, was soll dieser kindische Trotz? Ich sitze da, du siehst mich, wir reden miteinander, ich wirke auf dich, du wirkst auf mich. Ich wirke in dir, du wirkst in mir. Wir sind wirklich, beide. Wir sind einander wirklich, denn du wirkst mich und ich wirke dich. Dann sind wir auch wahr.

Das ist die Wahrheit? Das also soll die Wahrheit sein?

Die Wahrheit ist es nicht, Ratur. Die kann niemand erfassen, niemand wissen. Ein kleiner Teil der Wahrheit ist es jedoch schon, unser Wirken, unser Wirklichsein.

Du, Kater, meinst also, dass du in mir wirkst – und aus mir heraus? Und dass dich das wahr macht.

Zu einem Teil der Wahrheit macht es mich, und ja, ich bin wahr.

Und wenn ich dir sage, dass es keine sprechenden Katzen gibt?

Schweigen. Der Kater blinzelte Ratur an, leckte sich die Pfote und fuhr sich damit übers Köpfchen, schaute auf und:

Miu!

Aha! Und wenn ich dir sage, dass ich keine Katze habe und sich auch keine Katze in meiner Wohnung befinden kann? Weil ich keine Katze besitze, keinen Kater und auch keine Katze durch verschlossene Türen und Fenster in den dritten Stock eines Stadthauses gelangen kann?

Gebannt blickte Ratur auf die Katze auf seinem Schoß, deren Orange verblasste. Das milchige Weiß des Bauches schien auszulaufen, ergoss sich über die Gestalt des Katers. Die gesamte Erscheinung der Katze wurde von zunehmender Transparenz erfasst. Sie schwand dahin.


Warte! Wo willst du hin? Das, das …

Mittwoch, 24. August 2016

Kaffee, Kuchen, Katze

Mit freundlicher Genehmigung durch Rittiner&Gomez, Spiez, CH

Ratur lief, den Kater im Gefolge, zur Wohnungstür und öffnete. Im Treppenhaus stand Frau Zweyer, eine lebenserfahrene Frau in den besten Jahren, hielt Ratur einen Teller mit Apfelkuchen unter die Nase:

Für Sie, Herr Lite, heute frisch gebacken!, lächelte sie und machte einen Schritt zu auf den im Türrahmen Stehenden, dass Ratur unwillkürlich einen Schritt zurück in die Wohnung wich. Nicht, dass Ratur etwas gegen Nähe hatte, im Gegenteil, doch war er ein Eigenbrötler und selten in Stimmung. Im Augenblick jedoch kam seine Nachbarin ihm gelegen. Stand sie doch mit beiden Beinen fest im Leben. Ob sie die Katze in seiner Wohnung sehen würde und – auch hören?

Oh, danke schön, kommen Sie doch bitte herein auf eine Tasse Kaffee!

Frau Zweyer folgte ihm auf dem Fuße in die Küche, ebenso der Kater, der hast du nicht gesehen auf den Tisch gesprungen kam und sich wieder auf dessen Mitte setzte. Ratur holte derweil Teller aus dem Küchenschrank, kochte Kaffee und plauderte mit Frau Zweyer über den Tag, das Leben und die Vorzüge selbstgebackenen Apfelkuchens. Aufmerksam musterte er ihr Mienenspiel, doch war ihr nicht anzumerken, dass irgendetwas anderes als er, Ratur, und der Verzehr von Kuchen und Kaffee ihre Aufmerksamkeit auf sich zog. Ein kapitaler Kater auf dem Küchentisch ist eigentlich nicht zu übersehen. Vor allem von einer Dame nicht, die sicherlich alle Dinge in Ordnung zu bringen wusste und in deren Weltbild alles einen festen Platz zugewiesen bekommen hatte. Kein Mucks.

Ratur zweifelte an seinem Verstand. War er der einzige, der den Kater sah? Sein rotfelliges Gegenüber schwieg und blinzelte.

Ich hatte mir schon gedacht, wo Sie wohl bleiben, als sie heute Mittag aufbrachen auf ein Stündchen am Meer und bei Sonnenuntergang noch immer nicht zurück waren, Herr Lite.

Ratur schilderte ihr seinen Tag am Meer, die Begegnung mit der Frau im blauen Kleid und erzählte von dem seltsamen Gefühl der Vertrautheit, das diese Unbekannte während der kurzen Zeit seiner Gesellschaft genossen hatte – und dass es ihm, dem Zweifler, eigentlich nicht anders ergangen war.

Warum in Gottes Namen nahm sie keine Notiz von dem Kater, der mitten auf dem Tisch saß und sich pflegte?

Mit Katzen ist das nicht anders, ließ Frau Zweyer ihn aufhorchen, wenn die sich nicht wohl fühlen, suchen sie sich ein neues Zuhause, eines, in dem sie willkommen sind, das sie nicht in Frage stellt, eine Heimat, in der sie sich geborgen fühlen. Dort lassen sie sich nieder - und bleiben.

Katzen? Ja, Katzen, so wie …

Ratur hielt inne. Tierhaltung laut Mietvertrag verboten, sich nachsagen lassen zu müssen, Tiere zu sehen und mit ihnen zu sprechen, die ansonsten niemand sah, ebenfalls keine verlockende Aussicht. Frau Zweyer bedankte sich für die Einladung, erhob sich und schwebte dem Ausgang zu. Ratur begleitete sie mit Dank und Komplimenten. In der Tür, der Kater schlüpfte ihre Beine entlang streichend mit hinaus, wandte sie sich um und lächelte zum Abschied:

Eine hübsche Katze haben Sie da, Herr Lite, zugelaufen?

Ach, die, ach … Nein, die … der war einfach schon da, als ich heimkam, keine Ahnung, wie …

Ach, Herr Lite, ich werde Sie schon nicht verpfeifen, gute Nacht!

Gute Nacht – und … danke schön!

Rasch drückte Ratur die Tür leise ins Schloss, wandte sich mit einem tiefen Seufzer der Erleichterung um - und sah seinen Gast im Flur sitzen, das Fell ein warmes Orange und alabastern schimmerten darin Milch und Honig. Ihm war, als würde der Rote grinsen.

Wir müssen reden, Kater!


Ach ja? Reden?

Dienstag, 16. August 2016

Einfach nur da

Mit freundlicher Genehmigung durch Rittiner & Gomez, Spiez, CH
Ratur ging hinüber in seine Wohnstube, prüfte auf dem Weg alle Fenster und fand sie verschlossen. Sein Gast folgte ihm auf den Fersen. Als Ratur sich in sein nachtblaues Sofa aus Plüsch fallen ließ und die Beine hochlegte, sprang er federnd auf den Tisch, schnürte von dort gemächlich Raturs Beine hoch und setzte sich auf dessen Schoß. Rollte sich ein und ließ sich kraulen.

Seltsam, ich habe keinen Schimmer, wie du hier in die Wohnung gelangen konntest, mein Freund.

Ratur kraulte den Kater hinter den Ohren, dessen Vibrissen bebten unter dem Rollen eines kräftigen Schnurrens, das den Raum erfüllte und in Raturs Bauch ausstrahlte. Der Kater fläzte sich, streckte alle viere von sich und wandte Ratur sein milchweißes Bäuchlein zu:

Ich war einfach schon da, als du kamst!

Ratur fuhr hoch und saß mit einem Schwupps aufrecht, den Kater um Halt in seine Oberschenkel gekrallt:

Wer … Was bist du – und wie kamst du hierher?

Die Antwort ließ auf sich warten. Der Kater machte es sich wieder auf Raturs Schoß gemütlich, blinzelte geheimnisvoll gelassen zu den erschrocken geweiteten Augen seines Gastgebers hinauf und leckte sich die rosa Nase:

Ich bin, der ich bin und ich war einfach da, schon hier, als du kamst, Ratur.

Katzen können nicht sprechen!

Nicht? Hm, soll ich also … schweigen?

Ich, ich … werde wahnsinnig …

Nein, wirst du nicht.

Bin ich es etwa schon?

Ausgiebiges Putzen. Aus der Achsel eines Hinterbeins leises Schmatzen und gedämpft:

Nein, du bist weder wahnsinnig noch im Begriff, deinen Verstand zu verlieren.


Die Türglocke schrillte. 

Montag, 8. August 2016

Der Rote

Mit freundlicher Genehmigung durch Rittiner & Gomez, Spiez, CH
In Gedanken versunken stapfte Ratur die Stiegen zu seiner Stadtwohnung hinauf. Zog die Tür hinter sich ins Schloss, schaltete das Licht in der Küche an – und stutzte: Vor ihm saß ein roter Kater. Auf dem Küchentisch. Blinzelte ihn an.

Na, wo kommst denn du her?

Blinzeln.

Nicht, dass Ratur etwas gegen Katzen hatte, die sich auf dem Küchentisch tummeln, vielmehr verwunderte ihn der Anblick des Katers, weil er gar keine Katze in seinem Haushalt beherbergte.

Hungrig?

Blinzeln.

Ratur deckte den Tisch ein, packte seinen Einkauf aus dem Discounter hinzu, holte Milch aus dem Kühlschrank, goss davon ein wenig in eine Untertasse, schob diese in die Mitte des Tisches und schenkte sich selbst vom Rotwein ein. Sein Gast flanierte derweil schnurrend über die Tischplatte, strich Raturs Arme entlang und rieb sein Köpfchen an allem und jedem, was Ratur auf den Tisch stellte. Als Ratur sich hinzu setzte, lief er zur Milch, tunkte seine Zunge hinein und trank, setzte ab, blinzelte Ratur an, trank wieder und setzte sich dann Ratur gegenüber, der ein Stück vom Baguette geschnitten hatte und einen Streifen Käse, von dem er abbiss.

Käse?

Blinzeln.


Ratur brach ein Stückchen ab, reichte es seinem Gegenüber und fühlte es unter beherzten Bissen aus den Fingerspitzen schwinden. Kaum hatte der Kater das Käsestückchen gefressen und noch eins und noch eines, baute er sich wieder vor Ratur auf, einer Sphinx gleich, blinzelte und schien bereit, ein Rätsel zu stellen. Ratur genoss derweil sein Abendbrot und betrachtete seinen Gast. Selten grün funkelten dessen Augen, tiefgründig schwarze Pupillen rundeten sich im matten Schein der Küchenlampe. Sein Fell wirkte gepflegt, tiefes Orange, getigert, als ob ein Glas Milch auf die Brust ausgegossen war und sich von dort verlor, den Bauch hinab und dann in feinen Rinnsalen wieder die Rippen hinauf.